Aktuelles

Professur des Autors Prof. Dr. Dr. Walter Schmidt an der Kardinal Stefan Wyszyński Universität in Warschau

Die Kardinal Stefan Wyszyński Universität in Warschau ist die größte katholische Universität in Polen und die zweitgrößte Universität in Warschau (www.uksw.edu.pl) mit über 16 000 Studenten. Das besondere an dieser Universität, sie besitzt eine Fakultät für Familienwissenschaft an der alle familienrelevanten Fächer (Soziologie, Philosophie, Pädagogik und Betriebswirtschaft) in einer Fakultät gelehrt werden. Das Studium schließt mit einem „Master of Family Science“ ab. Diese Fächerkombination an einer Fakultät ist einzigartig in Europa.

Im vergangen Sommersemester hat der Dekan der Fakultät für Familienwissenschaften Mieczyslwa Ozorowski den Autor Prof. Dr. Dr. Walter Schmidt zu einer Gastprofessur nach Warschau eingeladen. Dem Thema dieser Vorlesung lag das Buch des Autors „Rushhour des Lebens“ (www.rushhour-des-lebens.de) zu Grunde, das sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie befasst.

Vereinbarungskarrieren sind wie der Autor in seinen Vorlesungen zum Ausdruck brachte, ein wissenschaftlich und praktisch anerkannter Weg, den Konflikt zwischen Familienzielen und beruflicher Karriere zu minimieren. Die fast 100 Studentinnen und Studenten, die die Vorlesungen in Englisch und in Deutsch verfolgen, können die angebotenen Lösungsansätze aus der Erfahrung mit ihren eigenen Familien nachvollziehen und haben eine gute Chance, für sich positive Konsequenzen daraus zu ziehen.

Im Dezember 2016 wurde Dr. Dr. Walter Schmidt an der Fakultät für Familienwissenschaften der Kardinal Stefan Wyszyński Universität in Warschau zum Professor ernannt. Seit März 2017 hält er Vorlesungen zum Thema „Rushhour des Lebens“ und entwickelt und leitet wissenschaftliche Projekte mit dem Ziel, junge Menschen frühzeitig auf ein Leben vorzubereiten, in dem Beruf und Familie immer wieder in Balance gebracht werden müssen.

Die Vorlesungen werden in den kommenden Semestern fortgesetzt.

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Ein Interview in Pyongyang „Balance zwischen Beruf und Familie in Nordkorea“


zum Artikel „Balance zwischen Beruf und Familie in Nordkorea“

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Dieser Artikel erscheint im „The European“ :

Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie müssen beide – Mann und Frau – ihr Verhalten ändern! Und das geht ohne mehr Geld vom Staat.

Unsere Form der Paarbeziehung ist eine Ausnahmekonstruktion

 Machen wir uns nichts vor: Wir tun so, als ob unsere gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie die alleinig richtig wären. Der Blick in die Gesellschaften anderer Kulturen bietet weit und breit kein Modell für das Ringen von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft um Chancengleichheit. Unser Ehemodell ist eigentlich nicht der Standard der Welt. Das heißt, dass Formen des Zusammenlebens in anderen Gesellschaften grundlegend anders aussehen können als bei uns – nämlich weniger auf Paare fokussiert. Unsere Form der Paarbeziehung sagt Mathias Laubscher[1], ist eine Sonderform und nicht die Allgemeine auf der Welt. Sie ist eine Ausnahmekonstruktion.

Unter dem Deckmantel der Familienpolitik wird in Deutschland Frauenpolitik gemacht

Auch wenn die Paarzentrierung vordergründig viele Vorteile zu haben scheint – ein großer Nachteil ist der Machtkampf zwischen Männern und Frauen, den sie, befeuert. Und die Wissenschaft gibt uns recht: Paarzentrierung führt zu einem Machtkampf zwischen Männern und Frauen. Dieser kulturelle Verhaltenswettbewerb zwischen Männern und Frauen breitet sich nicht nur durch Zeugung (Gene), sondern auch durch Überzeugung, durch Verhaltensbeeinflussung (Erziehung)  weiter aus. Kluge Politikerinnen wissen das! Inzwischen sind alle wichtigen familienpolitischen Funktionen in der deutschen Regierung und in den parlamentarischen Gremien mit Frauen besetzt. Schauen Sie genau hin und überzeugen Sie sich. Hier wird unter dem Deckmantel Familienpolitik immer öfter Frauenpolitik gemacht. Dies sollten wir im Auge behalten, wenn wir über die Balance zwischen Beruf und Familie sprechen.

Unternehmensethik und Familienethik decken sich nicht

Die Gleichstellung der Geschlechter als prinzipielle Chancengleichheit von Männern und Frauen ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, sie kann aber ohne eine adäquate gesellschaftliche Gestaltung des Verhältnisses zwischen Erwerbsarbeit und Elternschaft nicht erreicht werden. Die männlichen und weiblichen Führungskräfte müssen Spitzenleistungen in zwei Welten, Beruf und Familie,  erbringen, deren Regeln in vielen Bereichen konträr auseinander liegen. Alle Eigenschaften, die eine Führungskraft im Beruf nach vorne bringen, machen das private Zusammenleben mit ihr kompliziert, weil Unternehmensethik und Familienethik sich nicht decken, sondern weit auseinander liegen. Im Unternehmen gibt es eine wie immer geartete Hierarchie , ein Oben und Unten, in der Familie von gut ausgebildeten Männern und Frauen gilt Partnerschaft und Gleichordnung.

„Vereinbarungskarrieren“ bieten nachhaltige Lösungen an

Der Staat und auf seinen Druck hin auch die Unternehmen versuchen durch mehr als 150 Einzelprogramme, meist nur mit formalen Lösungsansätzen (mehr Geld, mehr Kitas, mehr Arbeitszeitmodelle) den Konflikt zu entschärfen, aber nicht seine Ursachen zu beheben. Auf inhaltliche Lösungsansätze stößt man dabei kaum. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass Verhaltensänderungen der Partner in Beruf und Familie mehr bewegen können als Geld und Freizeit. „Vereinbarungskarrieren“ ist das Stichwort unter dem der Autor nachvollziehbare und gangbare Lösungsansätze anbietet, wenn die Partner bereit sind, ihr Verhalten ihrem Partner gegenüber und den Kindern in der Familie und ihren Kollegen und Vorgesetzten im Beruf zu ändern. Es liest sich wie ein Handbuch für alle Aspekte des Konfliktes zwischen Berufs- und Familienorientierung.

Mit Verhaltensänderung lösen wir unsere Zukunft

Wenn es unserer Gesellschaft gelingt, Unternehmensethik und Familienethik einander anzunähern oder gar zur Deckung zu bringen, kann die „Rushhour des Lebens“ vielleicht sogar zur erfülltesten Phase des Lebens in Beruf und Familie werden. Glauben Sie mir, Verhaltensänderungen erfordern ein hohes Maß an Disziplin, Rücksichtnahme, Selbstverständnis und Veränderungsbereitschaft von allen Beteiligten. Denn, menschliche Personalität ist nur als Vermittlung von Individualität und Sozialität möglich. Sein bedeutet immer auch  Mit-Sein mit anderen.

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Vortrag zum Buch „Rushhour des Lebens“ an der Ordenshochschule „Sapientia“ in Budapest
Referent: Prof. Dr. Dr. Walter Schmidt

Balance zwischen Beruf und Familie

Inhalt

Einleitung

Der Konflikt zwischen Beruf und Familie geht unter die Haut

Wie können wir diesen Konflikt lösen

Die Schlüssel zur Lösung

– Das Kohärenzgefühl der Salutogenese

– Die Dienende Führung

– Koevolution der beteiligten Partner

Chancen für unsere Wertegemeinschaft

Perspektiven und Handlungsbedarf

 

Einleitung

Wir alle leben in einer Welt, in der persönliches Glück und Zufriedenheit ebenso wichtig sind wie beruflicher Erfolg, der ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellt. Was aber passiert, wenn die Balance zwischen diesen beiden Lebensbereichen aus den Fugen gerät.

Dann stehen wir mitten in einem Konflikt, den wir lösen müssen, wenn wir unseren Seelenfrieden wiedergewinnen wollen. Wie machen wir das? Bevor ich Ihnen Lösungen anbiete, muss ich Sie fragen, welche Lösungen Sie für Ihr künftiges Leben brauchen werden. Das hängt davon ab, ob Sie selbst eine Familie im christlichen Sinne gründen wollen oder aber als Priester und Ordensleute junge Familien bei der Bewältigung des Konfliktes beraten wollen. Im einen Falle brauchen Sie zur Konfliktlösung mehr Liebe als Kompetenz und im anderen Falle mehr Kompetenz als Liebe – aber in beiden Fällen ist beides notwendig. Um als erwachsener Mensch eine Balance zwischen Beruf und Familie zu finden, brauchen wir in der Zeit des Heranwachsens von Kindern und jungen Menschen die Familie als „Schule der Gefühle“. In dieser Lebensphase bilden sich die Ressourcen heraus, die Sie später brauchen um den Konflikt zwischen Beruf und Familie zu lösen oder lösen zu helfen.

Das Familienleben ist die erste Schule für das emotionale Lernen. Im täglichen Umgang mit ihren Eltern lernen Kinder, was sie selbst empfinden sollen und wie andere auf ihre Empfindungen reagieren. Diese Schule der Gefühle erfolgt nicht bloß mittels der Dinge, die Eltern ihren Kindern direkt sagen oder die sie mit ihnen machen, sondern über die Vorbilder, die sie abgeben bezüglich des Umgangs mit ihren eigenen Gefühlen und mit den Gefühlen, die zwischen Mann und Frau ausgetauscht werden. Von ihren Eltern lernen Kinder, dass sich unterzuordnen, Verzicht zu üben und allmählich zu Selbstdisziplin zu finden, Vorraussetzung für ihr eigenes Glück ist. Sie lernen, dass das Glück, das einer schöpferischen Anstrengung folgt von größerer Dauer ist, als das Glück, das einem in den Schoß fällt. Denn das Glück der Anstrengung findet die Anerkennung der Eltern, regt eher zur Nachahmung als zum Neid anderer an und ist wiederholbar ohne sich abzunutzen. Bernhard Bueb stellt dazu fest: „ Das Glück der Anstrengung fällt Jugendlichen heute nicht als erstes ein, wenn von Glück die Rede ist. Sie kennen oft nur das Glück der Animation, das von außen kommt. Fernsehen, Internet und Computer sind eine Quelle des Glücks, Drogen, Alkohol und Zigaretten eine andere Quelle. Reichtum sorgt für Glück, attraktive Körper führen zu erotisch-sexuellem Glück. Gegen diese Versprechen von Glück scheint das Glück der Anstrengung wenig Chancen zu haben.“ Deshalb kommt es auf die Vorbildfunktion der Eltern und Erzieher bei der Ausbildung der emotionalen Intelligenz der Kinder in besonderem Maße an. Die Art, wie Eltern ihre Kinder behandeln – ob mit Disziplin oder empathischem  Verständnis oder mit bequemer übermäßiger Toleranz oder gar Gleichgültigkeit – hat für das Gefühlsleben des Kindes tiefgreifende und bleibende Folgen.Daraus ergibt sich, dass allein schon die Tatsache, emotional intelligente Eltern zu haben für das Kind ein enormer Vorteil ist. Die Art und Weise, wie Ehepartner mit den Gefühlen füreinander umgehen, vermittelt eindrückliche Lektionen, denn Kinder sind in der Lage, auch subtile emotionale Vorgänge zwischen den Eltern aufzufangen. Kinder von emotional klugen Eltern zeigen größere Zuneigung zu ihren Eltern und haben weniger Spannungen mit ihnen. Sie können außerdem mit ihren eigenen Gefühlen besser umgehen, sind seltener aufgeregt und wenn doch, beruhigen sie sich leichter. Sie tragen damit selbst zu einem konfliktarmen Familienleben bei. Auch außerhalb der Familie gewinnen diese Kinder schneller soziale Anerkennung, sind bei Altersgenossen beliebter und werden von ihren Lehrern als sozial geschickter eingeschätzt und sind weniger aggressiv. Außerdem sind sie aufmerksamer und lernen daher besser. Bei gleichem IQ hatten Grundschüler, deren Eltern bessere soziale Lehrer waren, bessere Noten im Rechnen und Lesen. „Eltern“ sagt Brazelton „müssen verstehen, wie ihr Handeln dazu beitragen kann, das Selbstvertrauen, die Neugier, die Freude am Lernen und die Einsicht in die eigenen Grenzen zu schaffen“, die den Kindern zum Erfolg im Leben verhelfen. Grenzen zu schaffen“, die den Kindern zum Erfolg im Leben verhelfen. Das Kind muss selbstsicher und aufgeweckt sein, es muss wissen, was für ein Verhalten von ihm erwartet wird, und den Impuls zu schlechtem Betragen zügeln können. Es muss fähig sein, Anweisungen zu befolgen, aber auch seine Bedürfnisse äußern, um mit den Eltern, Geschwistern und anderen Kindern gut auszukommen. Goleman fasst die elementaren Fähigkeiten, die emotional intelligente und kompetente Eltern ihren Kindern vermitteln können, wie folgt zusammen:

1. Selbstvertrauen. Ein Gefühl, seinen Körper, sein Verhalten und die Welt kontrollieren und meistern zu können; das Kind hat das Gefühl, dass das, was es unternimmt, in der Regel gelingen wird und dass Erwachsene ihm helfen werden.

2. Neugier. Das Gefühl, dass es positiv ist und Freude bringt, etwas herauszufinden

3. Intentionalität. Der Wunsch und die Fähigkeit eine Wirkung zu erzielen und beharrlich an ihr zu arbeiten. Dies hängt eindeutig zusammen mit einem Gefühl der Kompetenz, dem Gefühl, etwas zu können.

4. Selbstbeherrschung. Die Fähigkeit, das eigene Handeln altersgemäß zu regulieren und zu kontrollieren; ein Gefühl innerer Kontrolle.

5. Verbundenheit. Die Fähigkeit sich auf andere einzulassen, basierend auf dem Gefühl, von anderen verstanden zu werden und andere zu verstehen.

6. Kommunikationsfähigkeit. Der Wunsch und die Fähigkeit, sich über Ideen, Gefühle und Vorstellungen verbal mit anderen auszutauschen. Dies hängt zusammen mit einem Gefühl des Vertrauens zu anderen und der Freude sich mit anderen, darunter auch Erwachsenen, einzulassen.

7. Kooperationsbereitschaft. Die Fähigkeit in gemeinsamer Aktivität die eigenen Bedürfnisse mit denen anderer abzustimmen.“

Ob ein Kind diese Fähigkeiten erlernt und im Laufe seiner Ausbildung einsetzen und vertiefen kann, hängt zum großen Teil davon ab, ob Eltern und Erzieher nicht nur ihrer emotionalen Vorbildfunktion gerecht werden, sondern aktiv ihre emotionale Kompetenz auf die Kinder übertragen können.

Mit kompetenter Kindererziehung haben Sie zwar ihre Kinder fit gemacht für die Lösung künftiger Konflikte. Sind Sie selbst aber in der Lage, ihre eigenen partnerschaftlichen Konflikte in Beruf und Familie zu lösen

Der Konflikt zwischen Beruf und Familie geht unter die Haut

Wohl kaum ein Konflikt hat in den vergangenen Jahrzehnten unsere europäische Gesellschaft so geprägt wie das Ringen von Frauen und Männern um Chancengleichheit in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen. Der Zielkonflikt zwischen beruflichem Erfolg und harmonischer Familiengestaltung ist gleichsam der „Hotspot“ dieses Ringens, denn die überwiegende Zahl der Menschen in unserer Gesellschaft ist davon direkt oder indirekt betroffen. Dabei ist unser Ehemodell eigentlich nicht der Standard der Welt, weil die Gesellschaften anderer Kulturen weit weniger auf Paare fokussiert sind. In unserer paar-zentrierten Gesellschaft machen Arbeit und Beziehung Glück und Zufriedenheit der Menschen aus, wenn sie einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Die gesellschaftliche Realität offenbart jedoch keine Harmonie, sondern ein komplexes mehrdimensionales Konfliktnetz, das in unterschiedlichen Lebensphasen verschiedene Ausprägungen durchläuft und Gestaltungszwänge im dyadischen Konstruktsystem von Mann und Frau auslöst. Im Mittelpunkt dieser Diskussion steht der Begriff der „Vereinbarungskarriere“, als jene Karrierephase, in der Erwerbsarbeit und Elternschaft – insbesondere die Verantwortung für noch nicht selbstständige Kinder – aufeinandertreffen und gestaltet werden müssen. Wir betrachten vor allem die jüngeren männlichen und weiblichen  Führungskräfte mit 5-10 Jahren Berufserfahrung und heranwachsenden Kindern im Vor- und Grundschulalter. In dieser Lebens- und Laufbahnphase entbrennt der Konflikt zwischen Berufs- und Familienorientierung am heftigsten, da sowohl der berufliche Aufstieg, als auch die Fürsorge für die heranwachsenden Kinder höchsten Einsatz erfordern.

Die Situation verschärft sich, wenn ein Umbruch der Wertvorstellungen und Lebensverhältnisse eintritt, weil eine große Zahl berufstätiger Menschen in Europa nicht mehr wirklich identisch mit ihren beruflichen Zielen ist, sondern eine kognitive Dissonanz zwischen Zielsetzung und Identifikation aufgebaut hat, wobei die Frustration mit zunehmendem Lebensstandard steigt und die Menschen sich immer mehr Selbstverwirklichung wenn möglich außerhalb von Beruf und Familie wünschen. Die Frustrationsdichte, der die Menschen ausgesetzt sind, bzw. sich selbst aussetzen, steigt. Trotz abnehmender Arbeitsmotivation ist Karriere für viele jüngeren Führungskräfte aber ein Lebensziel, das Annerkennung Einkommen und Macht verschafft.
Die Führungskräfte müssen Spitzenleistungen in zwei Welten erbringen, deren Regeln konträr auseinander liegen. Was in der Berufswelt als Muss-Kriterium gilt, belastbar, widerstandsfähig und unsentimental zu sein, wird in der Familienwelt, in der Zärtlichkeit, Wärme und Einfühlsamkeit gewünscht wird, missverstanden.

Das Spannungsfeld der Doppelbelastung durch Beruf und Familie wächst von Tag zu Tag. Entscheiden sich Männer oder Frauen für eine der beiden Seiten, fallen sie aus dem Erfolgsmuster der jeweils anderen Seite heraus. Es wird eng zwischen “Burn-Out“ und unverbindlicher „Sozial- partnerschaft“. Im Beruf beginnen sich bestehende Hierarchien aufzulösen, weil die jüngeren Führungskräfte nicht gleichzeitig ihren Vorgesetzten Gehorsam verweigern und von ihren Untergebenen Subordination fordern können.

Der Umbruch der Lebensverhältnisse unserer Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass Selbstentfaltungswerte wie Emanzipation, Genuss, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit die früher vorherrschenden Pflicht- und Akzeptanzwerte wie Gehorsam, Hinnahmebereitschaft, Disziplin und Selbstlosigkeit verdrängt haben.

Die Familie als soziale Gruppe ist zerbrechlicher geworden, weil auch die Machtansprüche der Familienmitglieder steigen. Auf der anderen Seite muss das Werte- und Steuerungssystem, das den Charakter der Führungskräfte bestimmt, neu justiert werden.

Wie können wir den Konflikt lösen?

Männer und Frauen können den Konflikt zwischen Beruf und Familie lösen, wenn sie lernen, ihr Verhalten zueinander zu ändern und nicht nur auf die familienfreundlichen Sozialleistungen des Staates und der Unternehmen zu warten.

Basis dieser Verhaltensänderungen ist der christliche Personenbegriff des Seins und Mit-Seins, denn das Verhalten des einzelnen äußert sich immer im sozialen Zusammenhang des Verhaltens mit anderen. Selbstverwirklichung kann nie gegen, sondern nur mit anderen erfolgreich sein.

Die Schlüssel zur Lösung

Drei Wege kann ich Ihnen anbieten, Ihr Verhalten in Beruf und Familie zu verändern. Sie alle sind erprobte, wissenschaftlich abgesicherte Wege, die sie aus eigener Kraft gehen können. Sie bieten Ihnen die Schlüssel zur Konfliktlösung über die Änderung Ihres Verhaltens:

1.Das Kohärenzgefühl der Salutogenese

 Aaron Antonovsky hat in groß angelegten

Reihenuntersuchungen herausgefunden, dass Mensche ein und denselben existenzbedrohenden Konflikt besser, oder weniger gut überstanden haben. Sind die einen an dem Konflikt beinahe zerbrochen, haben andere den Konflikt nahezu unbeschadet überwunden. Er hat nach den Gründen gefragt und entdeckt, was er später als Kohärenzgefühl bezeichnet hat:

Wenn ein Mensch einen Konflikt versteht und ihn für handhabbar erkennt, ihm Ressourcen zur Handhabung zur Verfügung stehen und er es für sinnvoll erachtet, den Konflikt zu lösen, wird er ihn leichter und besser lösen als andere.

Er gehört zu den ca. 28% der Menschen, die durch ihre Erziehung und ihre positive Lebenserfahrung ein größeres Kohärenzgefühl entwickelt haben als andere.

Die Ressourcen, die er braucht und meist bereits in der Kindheit erworben hat, sind emotionale Bindung, Gefühl und Liebe sowie emotionale Intelligenz und Kompetenz.

Das Konzept der Salutogenese haben wir auf den Konflikt zwischen Beruf und Familie übertragen und können feststellen:

Mit Selbstachtung werden die Ehepartner lernen, ihr unterschiedliches Beziehungsverhalten zu akzeptieren, zu beeinflussen, zu differenzieren und partnerschaftlich miteinander umzugehen.

 2. Die Dienende Führung

 Das herkömmliche Führungskonzept nach dem die Führungskraft die Unternehmensziele durch Anweisung, Motivation und Kontrolle ihrer Mitarbeiter erreicht, wurde durch das Konzept der Dienenden Führung  weiterentwickelt. Robert Greensleaf hat in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Konzept der „Dienenden Führung (Servant Leadership)“ entwickelt. Heute leiten bereits mehr als 30% der bestgeführten Unternehmen der USA ihre Unternehmen nach dem Prinzip der „Dienenden Führung“. Die künftige Führungskraft wird die Unternehmensziele dadurch erreichen, dass sie ihre Mitarbeiter so unterstützt, dass sie ihre Abteilungs- und Bereichsziele erreichen, die sich dann zum Unternehmensziel zusammenfügen.

Die Führungskraft wird zum Diener ihrer Mitarbeiter. Sie führt uneigennützig und integer. Wenn wir dieses Prinzip aber nicht  nur auf den Beruf sondern auch auf die Familie übertragen, dann entsteht vor uns der Ehepartner, der der Diener seiner Familie ist – der dienende Familienführer.

3. Koevolution

 Jörg Willi beschreibt in seinem Buch „Die Kunst des gemeinsamen Wachsens“ einen Lösungsansatz für den ethisch-soziologischen Wandlungsprozess, den die Familie seit Jahrzehnten mit zunehmender Geschwindigkeit durchläuft.

Wenn es den Ehepartnern gelingt, sich in neuer Rollenvielfalt zu einer gerechten Verantwortungs- und Pflichtenteilung über einen längeren Zeitraum zu vereinbaren, können sie eine gemeinsame konfliktärmere Welt gestalten.

Diese Lösungsansätze nennen wir „Vereinbarungskarrieren“. Zwei Partner vereinbaren über einen Lebensabschnitt hinweg, ihre Rollen neu zu verteilen und sich gemeinsam weiter zu entwickeln, ohne im anderen aufzugehen. Dies erfordert sowohl Selbstvertrauen als auch Rücksichtnahme auf die Wünsche und Lebensziele des Partners.

Alle drei Lösungsansätze sind Werkzeuge für ein konfliktärmeres, partnerschaftliches Leben in Familie und Beruf. Sie fallen einem nicht in den Schoß, sondern erfordern harte Arbeit an sich selbst und der Gemeinschaft von Mitarbeitern und Familienmitgliedern, für die man sich verantwortlich fühlt. Ohne den nachhaltigen Willen, sein Verhalten in Beruf und Familie zu verändern, wird man nicht erfolgreich sein.

Chancen für unsere Wertegemeinschaft

Alle drei Lösungsansätze bieten Vorteile und Chancen für die Kirche, denn bei Menschen mit hohem Kohärenzgefühl, die bereit sind, dienend zu führen, und auf gemeinsame Koevolution ausgerichtet handeln, kehrt die Spiritualität in die Familie zurück. Das Gestalten einer gemeinsamen Familienwelt mit gemeinsamen Erlebnissen, Ritualen, vielleicht sogar Mythen, stabilisiert die Familie durch mehr spirituellen Zusammenhalt. 

Perspektiven und Handlungsbedarf

Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen liegen in der Zukunft. Denn wenn viele Menschen ihr Verhalten im Sinne der drei individuellen Lösungsansätze ändern, entsteht ein kollektiver Druck, der gesellschaftliche Veränderungen fordert.

Bis heute stehen sich Unternehmensethik und Familienethik wie zwei eherne Blöcke gegenüber. Die Unternehmensethik basiert nach wie vor auf Hierarchien – es gibt ein Oben und Unten. Die Familienethik, die von Paaren getragen wird, die beide eine gute Ausbildung haben, ist auf Partnerschaft und Gleichberechtigung ausgerichtet.
Gesellschaftlich werden wir den Konflikt zwischen Beruf und Familie nur dann nachhaltig lösen, wenn es gelingt, Unternehmens- und Familienethik einander anzugleichen, wenn möglich sogar zur Deckung zu bringen.

Dann werden eine partnerschaftlich dienende Führung im Beruf und eine dienende Führung in der Familie entstehen. Selbstmanagement und Beziehungsmanagement sind die Stellschrauben für diese Entwicklung. Die Christliche Soziallehre kann den Weg weisen.

Das ist ein erster, allgemeiner Überblick über Lösungsansätze, eine Balance zwischen Beruf und Familie zu erreichen. Wenn Sie mit mir weiter ins Detail gehen wollen, beantworte ich gerne Ihre Fragen und danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.


[1] Laubscher, M., Frau und Mann – Geschlechtsdifferenzierung in Natur und Menschenwelt, in Schubert, V. (Hrsg), Eos Verlag Erzabtei St. Ottilien, S.93-94